Untergang des Römischen Reiches: Unterschied zwischen den Versionen

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* '''Transformation''': Weit verbreitet ist in der gegenwärtigen Forschung die Ansicht, es sei irreführend, von den politischen Veränderungen überhaupt auf einen ''Untergang'' Roms zu schließen. Vielmehr lasse sich in kultureller, sozialer und ökonomischer Hinsicht stattdessen ein langsamer Wandlungsprozess beobachten, an dessen Ende sich das ''Imperium Romanum'' in die Welt des [[Mittelalter]]s transformiert habe, ohne dass radikale Brüche zu konstatieren seien. Aktuelle Vertreter dieser Position sind unter anderem [[Peter Brown (Historiker)|Peter Brown]], der dabei vor allem die Entwicklung der Religion und das Oströmische Reich im Blick hat, ferner [[Walter A. Goffart]] und [[Averil Cameron]]. Auch Max Weber vertrat die These, dass sich das Römische Reich in der späten Kaiserzeit in eine [[Feudalismus|vorfeudale]] Gesellschaft transformierte; er betonte jedoch die Krisenhaftigkeit dieser Entwicklung.
* '''Transformation''': Weit verbreitet ist in der gegenwärtigen Forschung die Ansicht, es sei irreführend, von den politischen Veränderungen überhaupt auf einen ''Untergang'' Roms zu schließen. Vielmehr lasse sich in kultureller, sozialer und ökonomischer Hinsicht stattdessen ein langsamer Wandlungsprozess beobachten, an dessen Ende sich das ''Imperium Romanum'' in die Welt des [[Mittelalter]]s transformiert habe, ohne dass radikale Brüche zu konstatieren seien. Aktuelle Vertreter dieser Position sind unter anderem [[Peter Brown (Historiker)|Peter Brown]], der dabei vor allem die Entwicklung der Religion und das Oströmische Reich im Blick hat, ferner [[Walter A. Goffart]] und [[Averil Cameron]]. Auch Max Weber vertrat die These, dass sich das Römische Reich in der späten Kaiserzeit in eine [[Feudalismus|vorfeudale]] Gesellschaft transformierte; er betonte jedoch die Krisenhaftigkeit dieser Entwicklung.
* '''Bürgerkrieg''': In jüngster Zeit wird vermehrt die Position vertreten, das Ende Westroms sei weder durch eine friedliche Transformation noch durch äußere Angriffe verursacht worden, sondern sei vielmehr eine Konsequenz aus jahrzehntelangen Bürgerkriegen gewesen, durch welche Macht und Ansehen der weströmischen Regierung so sehr erodiert seien, dass nach ihrem Kollaps schließlich die Anführer ([[Rex (Titel)|''reges'']]) reichsfremder Söldnerheere (''[[foederati]]'') an ihre Stelle getreten seien und lokale Herrschaften etabliert hätten. Aktuelle Verfechter dieser in Ansätzen schon von [[Hans Delbrück]] vertretenen Position sind unter anderem [[Guy Halsall]], [[Henning Börm]] und [[Christian Witschel]].
* '''Bürgerkrieg''': In jüngster Zeit wird vermehrt die Position vertreten, das Ende Westroms sei weder durch eine friedliche Transformation noch durch äußere Angriffe verursacht worden, sondern sei vielmehr eine Konsequenz aus jahrzehntelangen Bürgerkriegen gewesen, durch welche Macht und Ansehen der weströmischen Regierung so sehr erodiert seien, dass nach ihrem Kollaps schließlich die Anführer ([[Rex (Titel)|''reges'']]) reichsfremder Söldnerheere (''[[foederati]]'') an ihre Stelle getreten seien und lokale Herrschaften etabliert hätten. Aktuelle Verfechter dieser in Ansätzen schon von [[Hans Delbrück]] vertretenen Position sind unter anderem [[Guy Halsall]], [[Henning Börm]] und [[Christian Witschel]].
== Ältere Forschungsmeinungen ==
Lange Zeit galt es unter Historikern und Gelehrten als weitestgehend selbstverständlich, von einem „Verfall und Untergang“ des ''Imperium Romanum'' während der [[Spätantike]] zu sprechen; lediglich die Ursachen hierfür waren umstritten.
In der älteren Forschung gab hierbei vor allem [[Edward Gibbon]] den Ton an. In seinem epochalen Werk ''[[The History of the Decline and Fall of the Roman Empire]]'' postulierte Gibbon bereits im 18. Jahrhundert die Ansicht, (West-)Rom sei nicht durch äußere Einwirkungen, sondern viel mehr wegen innerer Schwäche untergegangen. Dabei gab er zu einem nicht geringen Teil dem Christentum die Schuld. Dieses habe die alten Kräfte des [[Römisches Reich|Römischen Reiches]] geschwächt. Er schloss sich auch der ''Dekadenztheorie'' [[Charles de Secondat, Baron de Montesquieu|Montesquieus]] an, während seine Überlegungen zum Christentum den Ideen [[Voltaire]]s folgen. Der letztendliche Zusammenbruch sei schließlich eine Folge des Drucks durch die äußeren Feinde auf das innerlich bereits entscheidend geschwächte Imperium gewesen. Noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab man oft dem Christentum und dem äußeren Druck durch die Germanen auf das Reich die Schuld am Fall Roms (wobei insbesondere deutsche und britische Gelehrte dies nicht immer negativ bewerteten). Noch [[Otto Seeck]] sah die Spätantike als eine reine Verfallszeit an, während [[Henri Pirenne]] als Grund für den Zusammenbruch der spätantiken Mittelmeerwelt nicht die Germanen, sondern erst den Ansturm des [[Islam]] anführte (siehe [[Islamische Expansion]] und [[Pirenne-These]]). Auch [[Alfred Rosenberg]] deutete die Spätantike als Verfallszeit, machte hierfür aber gemäß der [[Nationalsozialismus|NS-Ideologie]] einen angeblich wachsenden Einfluss orientalischer bzw. [[semitisch]]er Völker verantwortlich: Die Germanen hätten das Abendland gerettet, indem sie das durch Rassenmischung dekadent gewordene Römische Reich erobert und so das „Völkerchaos“ beendet hätten.
Obwohl nicht alle Gelehrten der Meinung waren, innerer Verfall sei am Ende Roms zumindest prominent beteiligt gewesen, dominierte der Dekadenzgedanke dennoch lange Zeit die historische Forschung. Die Vorstellung, große Reiche würden – wie Lebewesen – regelhaft einen Zyklus von Aufstieg, Blüte und Verfall durchleben, wurde bereits in der Antike formuliert, etwa von [[Herodot]] und [[Xenophon]] in Bezug auf Persien, von [[Sallust]] und [[Ovid]] (Abfolge der Zeitalter: vom goldenen zum eisernen) in Bezug auf die Römische Republik. Sie hat im abendländischen Denken bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Es lag daher nahe, auch das Ende des Weströmischen Reiches nach diesem einfachen Muster zu deuten. So sah auch [[Oswald Spengler]] in seinem Hauptwerk ''[[Der Untergang des Abendlandes]]'' einen zyklischen Verlauf als Grundprinzip der Weltgeschichte: Auf den Aufstieg eines Großreiches folge der Niedergang. [[Arnold J. Toynbee|Arnold Joseph Toynbee]] sah ein Versagen der moralischen Instanzen, aber auch den Zufall, der eine Rolle spielte. Diese zyklische Schule findet zum Teil auch heute noch Anhänger, allerdings kaum mehr unter [[Althistoriker]]n. Die Spätantike wird in diesem Sinne bis heute gerne als Spiegelbild der eigenen Gesellschaft gedeutet, der man ebenfalls Verfallstendenzen zuschreibt.
Der doktrinäre Liberalismus und die späte Aufklärung – so vor allem Edward Gibbon, der freilich zugleich den Zerfall der römischen Institutionen bedauerte – sahen in der staatlichen Reglementierung und Überbesteuerung, in der zunehmenden Bindung der Bauern an die Scholle und der Produzenten an die Zünfte sowie in den vielen Staatsbetrieben die Ursache des Untergangs des Römischen Reichs. Doch machten sich diese Faktoren im frühen 5. Jahrhundert vor allem im Westen des Reichs negativ bemerkbar. Das im Hinblick auf sein städtisches Gewerbe und seinen Handel wesentlich weiter entwickelte, bevölkerungsreichere Ostreich überlebte mit Staatsintervention und Fiskalismus noch Jahrhunderte. Hier waren die hohen Verwaltungsämter nicht im gleichen Umfang im Besitz des Grundadels wie im Westen; seine Steuerprivilegien waren geringer ausgeprägt und es standen mehr Finanzen für Militär und Verwaltung sowie Arbeitskräfte und Soldaten zur Verfügung.
Auf einen Rückfall in die Naturalwirtschaft führten [[Max Weber]] wie auch [[Hans Delbrück]] den Verfall des Römischen Reiches zurück. Weber ging davon aus, dass die Verwandlung des expansiven Römischen Reichs von einem Seehandel treibenden in einen Binnenstaat mit überwiegend agrarischer Bevölkerung und die Dominanz der Großagrarier, die ihre [[Latifundium|Latifundien]] von Sklaven bewirtschaften ließen, sowie die zunehmende Bindung der Kleinpächter ([[Kolonat (Recht)|Kolonen]]) an den Boden zum Rückgang der Produktion für den Markt, zum Aufstieg der Naturalwirtschaft und zur zunehmenden Autonomie der Gutshöfe führten. Die landwirtschaftliche Produktion war auf fortwährenden Zukauf von Sklaven angewiesen, da diese nicht in Familien lebten und sich nicht reproduzierten. Die „Entkommunalisierung“ der großen zunehmend autarken Güter, also ihre Herauslösung aus der städtischen Wirtschaft, und die zunehmend naturalwirtschaftliche Finanzverfassung führten nach Weber zum Verfall der Städte und der Geldwirtschaft sowie zur Stadtflucht. Selbst die Beamten wurden zu [[Diokletian]]s Zeiten teils naturalwirtschaftlich entlohnt. Andererseits kam es bereits zur Zeit des [[Tiberius]] zu einem deutlichen Arbeitskräfte- und Rekrutenmangel, zu immer häufigeren Sklavenjagden, zur Verwendung von ''noxii'' (Verbrechern) als Sklaven und zur Beleihung der Grenzvölker mit Land gegen Kriegspflichtdienste zur Grenzsicherung. Viele Sklaven mussten zur Nachwuchssicherung aus dem kasernenähnlich organisierten Gutshofsystem entlassen und der Familie zurückgegeben werden. Ihr Status näherte sich dem der Kolonen – also der fronabhängigen Bauern –, während diese immer abhängiger wurden. Steuererhöhungen führten dazu, dass Flächen mit geringer Produktivität stillgelegt wurden, und die Arbeitsproduktivität der Landwirtschaft sank. Die Gesellschaft, die früher durch den Gegensatz von Freien und Unfreien strukturiert war, näherte sich mit dem Kolonensystem den frühfeudalen Verhältnissen der [[Merowinger]]zeit an. Tatsächlich wurde dieses System zum Teil in den nachrömischen Königreichen der Goten, Vandalen, Burgunder und Franken übernommen.
Schwer habe auch der schon früh von verschiedenen Autoren erkannte technologische Stillstand in der Zeit nach der Herrschaft [[Trajan]]s beigetragen, weil er nicht nur zur Stagnation des Handwerks (Weberei, Töpferei) führte, sondern vor allem die Intensivierung der Landwirtschaft verhindert habe. Die für die Mittelmeerregion geeigneten Methoden versagten auf schwereren Böden. Es gab noch kein Zuggeschirr für Pferde. Stattdessen wurden Ochsen eingesetzt. Geerntet wurde von Hand mit der [[Sichel (Werkzeug)|Sichel]] (mit Ausnahme einer auf ebenen Feldern in Gallien eingesetzten [[Mähmaschine]]). Nicht einmal [[Schubkarre]]n existierten, obwohl sie bereits in Griechenland erfunden worden waren. Lediglich [[Wassermühle]]n verbreiteten sich, wenngleich sehr langsam.
Der Widerspruch zwischen der wachsenden Bedeutung der Naturalwirtschaft, die mit der erheblichen Last verbunden war, die Güter an den Ort zu bringen, an dem sie benötigt wurden, und den Verkehrserfordernissen eines überdehnten Weltreichs, das auf die Geldwirtschaft angewiesen blieb, habe zu seinem Zerfall in territoriale Sondergebiete beigetragen, worauf Weber in Anlehnung an [[Karl Rodbertus]] schon in Einleitung und Schlusskapitel der ''Römischen Agrargeschichte'' hinwies. Diese Loslösung territorialer Sondergebiete vom Zentralstaat ist nach Delbrück vor allem auf die Germanisierung des römischen Militärs zurückzuführen.


[[Kategorie:Römisches Reich]]
[[Kategorie:Römisches Reich]]

Version vom 10. August 2023, 02:36 Uhr

Der Untergang des Römischen Reiches im Westen ist ein viel diskutiertes Thema der Altertumswissenschaft. Es geht um die Gründe für den allmählichen Niedergang des westlichen Reichsteils, der mit der Absetzung des weströmischen Kaisers Romulus Augustulus im Jahr 476 (bzw. mit dem Tod des letzten von Ostrom anerkannten Kaisers Julius Nepos im Jahr 480) endete, wobei höchst unterschiedliche Theorien entworfen wurden und werden. Zentral ist hierbei vor allem die Frage, ob primär innere Faktoren (z.B. strukturelle Probleme, angebliche Dekadenz, religiöse und soziale Umbrüche, Bürgerkriege) oder der Druck durch äußere Angreifer (Völkerwanderung, Germanen, Hunnen, Perser) für den Niedergang des Reiches verantwortlich zu machen sind. Die Frage nach dem Untergang des Römischen Reiches ist eng verknüpft mit den Wandlungsprozessen der Spätantike sowie der Definitionsfrage um das Ende der Antike.

Das Oströmische/Byzantinische Reich überdauerte den Zusammenbruch des weströmischen Kaisertums. Es ging erst 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II., bei welcher der letzte byzantinische Kaiser Konstantin XI. den Tod fand, zu Ende.

Überblick

Die Positionen, die in der historischen Forschung zum Ende des Römischen Reiches im Westen vertreten wurden und werden, sind sehr vielfältig. Die meisten lassen sich jedoch grob den folgenden vier Ansätzen zuordnen:

  • Dekadenz: Diese vor allem in der älteren Forschung sowie in populärwissenschaftlichen Publikationen weit verbreitete Ansicht geht davon aus, dass das Römische Reich spätestens seit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts einem (auch moralischen) Verfallsprozess ausgesetzt gewesen sei; Macht und Wohlstand hätten langfristig zu einem Werteverfall geführt, der die ökonomische und militärische Stärke des Imperiums schleichend schwinden ließ. Seit der Aufklärung wurde in diesem Zusammenhang oft das Christentum als ein wesentlicher Faktor benannt, während insbesondere marxistisch beeinflusste Gelehrte vor allem sozioökonomische Krisen verantwortlich machten. Äußeren Angriffen wurde hingegen nur eine sekundäre Bedeutung zugesprochen.
  • Katastrophe: Im Gegensatz zur Dekadenztheorie hat dieser ebenfalls früh formulierte Ansatz auch heute noch Vertreter in der Fachwissenschaft. Diese gehen davon aus, dass es der gewachsene äußere Druck gewesen sei, der im 4. und 5. Jahrhundert zum Untergang Westroms geführt habe. Eine wichtige Rolle wird dabei dem Auftreten der Hunnen zugeschrieben, deren Vorstoß in den Westen eine Völkerwanderung ausgelöst habe, der das dünn besiedelte, durch Ertragsrückgänge und Fiskalschwäche sowie Sonderinteressen des Provinzadels geschwächte Westreich nicht habe standhalten können. Zudem sei der Vorstoß der Hunnen und Germanen vom Ostreich gezielt nach dem Westen umgelenkt worden. Folgt man dieser Sichtweise, so wurde Westrom von (überwiegend germanischen) Invasoren erobert; sein Ende ist also primär das Ergebnis katastrophaler Ereignisse, die über ein allerdings geschwächtes Westreich von außen hereinbrachen. Aktuelle Vertreter dieser Position sind unter anderem Peter J. Heather und Bryan Ward-Perkins. im Vergleich zum Optimum der Römerzeit)
  • Transformation: Weit verbreitet ist in der gegenwärtigen Forschung die Ansicht, es sei irreführend, von den politischen Veränderungen überhaupt auf einen Untergang Roms zu schließen. Vielmehr lasse sich in kultureller, sozialer und ökonomischer Hinsicht stattdessen ein langsamer Wandlungsprozess beobachten, an dessen Ende sich das Imperium Romanum in die Welt des Mittelalters transformiert habe, ohne dass radikale Brüche zu konstatieren seien. Aktuelle Vertreter dieser Position sind unter anderem Peter Brown, der dabei vor allem die Entwicklung der Religion und das Oströmische Reich im Blick hat, ferner Walter A. Goffart und Averil Cameron. Auch Max Weber vertrat die These, dass sich das Römische Reich in der späten Kaiserzeit in eine vorfeudale Gesellschaft transformierte; er betonte jedoch die Krisenhaftigkeit dieser Entwicklung.
  • Bürgerkrieg: In jüngster Zeit wird vermehrt die Position vertreten, das Ende Westroms sei weder durch eine friedliche Transformation noch durch äußere Angriffe verursacht worden, sondern sei vielmehr eine Konsequenz aus jahrzehntelangen Bürgerkriegen gewesen, durch welche Macht und Ansehen der weströmischen Regierung so sehr erodiert seien, dass nach ihrem Kollaps schließlich die Anführer (reges) reichsfremder Söldnerheere (foederati) an ihre Stelle getreten seien und lokale Herrschaften etabliert hätten. Aktuelle Verfechter dieser in Ansätzen schon von Hans Delbrück vertretenen Position sind unter anderem Guy Halsall, Henning Börm und Christian Witschel.

Ältere Forschungsmeinungen

Lange Zeit galt es unter Historikern und Gelehrten als weitestgehend selbstverständlich, von einem „Verfall und Untergang“ des Imperium Romanum während der Spätantike zu sprechen; lediglich die Ursachen hierfür waren umstritten.

In der älteren Forschung gab hierbei vor allem Edward Gibbon den Ton an. In seinem epochalen Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire postulierte Gibbon bereits im 18. Jahrhundert die Ansicht, (West-)Rom sei nicht durch äußere Einwirkungen, sondern viel mehr wegen innerer Schwäche untergegangen. Dabei gab er zu einem nicht geringen Teil dem Christentum die Schuld. Dieses habe die alten Kräfte des Römischen Reiches geschwächt. Er schloss sich auch der Dekadenztheorie Montesquieus an, während seine Überlegungen zum Christentum den Ideen Voltaires folgen. Der letztendliche Zusammenbruch sei schließlich eine Folge des Drucks durch die äußeren Feinde auf das innerlich bereits entscheidend geschwächte Imperium gewesen. Noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab man oft dem Christentum und dem äußeren Druck durch die Germanen auf das Reich die Schuld am Fall Roms (wobei insbesondere deutsche und britische Gelehrte dies nicht immer negativ bewerteten). Noch Otto Seeck sah die Spätantike als eine reine Verfallszeit an, während Henri Pirenne als Grund für den Zusammenbruch der spätantiken Mittelmeerwelt nicht die Germanen, sondern erst den Ansturm des Islam anführte (siehe Islamische Expansion und Pirenne-These). Auch Alfred Rosenberg deutete die Spätantike als Verfallszeit, machte hierfür aber gemäß der NS-Ideologie einen angeblich wachsenden Einfluss orientalischer bzw. semitischer Völker verantwortlich: Die Germanen hätten das Abendland gerettet, indem sie das durch Rassenmischung dekadent gewordene Römische Reich erobert und so das „Völkerchaos“ beendet hätten.

Obwohl nicht alle Gelehrten der Meinung waren, innerer Verfall sei am Ende Roms zumindest prominent beteiligt gewesen, dominierte der Dekadenzgedanke dennoch lange Zeit die historische Forschung. Die Vorstellung, große Reiche würden – wie Lebewesen – regelhaft einen Zyklus von Aufstieg, Blüte und Verfall durchleben, wurde bereits in der Antike formuliert, etwa von Herodot und Xenophon in Bezug auf Persien, von Sallust und Ovid (Abfolge der Zeitalter: vom goldenen zum eisernen) in Bezug auf die Römische Republik. Sie hat im abendländischen Denken bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Es lag daher nahe, auch das Ende des Weströmischen Reiches nach diesem einfachen Muster zu deuten. So sah auch Oswald Spengler in seinem Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes einen zyklischen Verlauf als Grundprinzip der Weltgeschichte: Auf den Aufstieg eines Großreiches folge der Niedergang. Arnold Joseph Toynbee sah ein Versagen der moralischen Instanzen, aber auch den Zufall, der eine Rolle spielte. Diese zyklische Schule findet zum Teil auch heute noch Anhänger, allerdings kaum mehr unter Althistorikern. Die Spätantike wird in diesem Sinne bis heute gerne als Spiegelbild der eigenen Gesellschaft gedeutet, der man ebenfalls Verfallstendenzen zuschreibt.

Der doktrinäre Liberalismus und die späte Aufklärung – so vor allem Edward Gibbon, der freilich zugleich den Zerfall der römischen Institutionen bedauerte – sahen in der staatlichen Reglementierung und Überbesteuerung, in der zunehmenden Bindung der Bauern an die Scholle und der Produzenten an die Zünfte sowie in den vielen Staatsbetrieben die Ursache des Untergangs des Römischen Reichs. Doch machten sich diese Faktoren im frühen 5. Jahrhundert vor allem im Westen des Reichs negativ bemerkbar. Das im Hinblick auf sein städtisches Gewerbe und seinen Handel wesentlich weiter entwickelte, bevölkerungsreichere Ostreich überlebte mit Staatsintervention und Fiskalismus noch Jahrhunderte. Hier waren die hohen Verwaltungsämter nicht im gleichen Umfang im Besitz des Grundadels wie im Westen; seine Steuerprivilegien waren geringer ausgeprägt und es standen mehr Finanzen für Militär und Verwaltung sowie Arbeitskräfte und Soldaten zur Verfügung.

Auf einen Rückfall in die Naturalwirtschaft führten Max Weber wie auch Hans Delbrück den Verfall des Römischen Reiches zurück. Weber ging davon aus, dass die Verwandlung des expansiven Römischen Reichs von einem Seehandel treibenden in einen Binnenstaat mit überwiegend agrarischer Bevölkerung und die Dominanz der Großagrarier, die ihre Latifundien von Sklaven bewirtschaften ließen, sowie die zunehmende Bindung der Kleinpächter (Kolonen) an den Boden zum Rückgang der Produktion für den Markt, zum Aufstieg der Naturalwirtschaft und zur zunehmenden Autonomie der Gutshöfe führten. Die landwirtschaftliche Produktion war auf fortwährenden Zukauf von Sklaven angewiesen, da diese nicht in Familien lebten und sich nicht reproduzierten. Die „Entkommunalisierung“ der großen zunehmend autarken Güter, also ihre Herauslösung aus der städtischen Wirtschaft, und die zunehmend naturalwirtschaftliche Finanzverfassung führten nach Weber zum Verfall der Städte und der Geldwirtschaft sowie zur Stadtflucht. Selbst die Beamten wurden zu Diokletians Zeiten teils naturalwirtschaftlich entlohnt. Andererseits kam es bereits zur Zeit des Tiberius zu einem deutlichen Arbeitskräfte- und Rekrutenmangel, zu immer häufigeren Sklavenjagden, zur Verwendung von noxii (Verbrechern) als Sklaven und zur Beleihung der Grenzvölker mit Land gegen Kriegspflichtdienste zur Grenzsicherung. Viele Sklaven mussten zur Nachwuchssicherung aus dem kasernenähnlich organisierten Gutshofsystem entlassen und der Familie zurückgegeben werden. Ihr Status näherte sich dem der Kolonen – also der fronabhängigen Bauern –, während diese immer abhängiger wurden. Steuererhöhungen führten dazu, dass Flächen mit geringer Produktivität stillgelegt wurden, und die Arbeitsproduktivität der Landwirtschaft sank. Die Gesellschaft, die früher durch den Gegensatz von Freien und Unfreien strukturiert war, näherte sich mit dem Kolonensystem den frühfeudalen Verhältnissen der Merowingerzeit an. Tatsächlich wurde dieses System zum Teil in den nachrömischen Königreichen der Goten, Vandalen, Burgunder und Franken übernommen.

Schwer habe auch der schon früh von verschiedenen Autoren erkannte technologische Stillstand in der Zeit nach der Herrschaft Trajans beigetragen, weil er nicht nur zur Stagnation des Handwerks (Weberei, Töpferei) führte, sondern vor allem die Intensivierung der Landwirtschaft verhindert habe. Die für die Mittelmeerregion geeigneten Methoden versagten auf schwereren Böden. Es gab noch kein Zuggeschirr für Pferde. Stattdessen wurden Ochsen eingesetzt. Geerntet wurde von Hand mit der Sichel (mit Ausnahme einer auf ebenen Feldern in Gallien eingesetzten Mähmaschine). Nicht einmal Schubkarren existierten, obwohl sie bereits in Griechenland erfunden worden waren. Lediglich Wassermühlen verbreiteten sich, wenngleich sehr langsam.

Der Widerspruch zwischen der wachsenden Bedeutung der Naturalwirtschaft, die mit der erheblichen Last verbunden war, die Güter an den Ort zu bringen, an dem sie benötigt wurden, und den Verkehrserfordernissen eines überdehnten Weltreichs, das auf die Geldwirtschaft angewiesen blieb, habe zu seinem Zerfall in territoriale Sondergebiete beigetragen, worauf Weber in Anlehnung an Karl Rodbertus schon in Einleitung und Schlusskapitel der Römischen Agrargeschichte hinwies. Diese Loslösung territorialer Sondergebiete vom Zentralstaat ist nach Delbrück vor allem auf die Germanisierung des römischen Militärs zurückzuführen.